Vogelschutzmaßnahmen am und ums Gebäude – Interview mit dem LBV
Planen und Bauen
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Glasfläche mit Punktraster zum Vogelschutz, Freibad Georgenschwaige im München, straub architekten und stadtplaner, München
Sylvia Weber, LBV-Beraterin und Expertin für Artenschutz an Gebäuden, im Gespräch mit der BEN
"Architekt:innen können einen großen Beitrag zum Artenschutz leisten. Der verantwortungsvolle Umgang mit Glas und Licht in der Gebäudeplanung ist dafür ein Schlüssel. Denn zur Nachhaltigkeit eines Gebäudes gehört auch, dass es sich nicht negativ auf die belebte Umwelt auswirkt."
Sylvia Weber, LBV-Beraterin
BEN: Frau Weber, welche Rolle spielen Städte für Zugvögel?
Sylvia Weber: Städte sind für viele Vögel wertvolle Lebensräume. Im Gegensatz zur intensiv genutzten Agrarlandschaft bieten sie mit Parks, Friedhöfen oder Kleingärten strukturreiche Rastplätze – nicht nur für Brutvögel, sondern auch für Durchzügler. Flüsse dienen als wichtige Orientierungslinien, während Seen Ruhe- und Rastflächen bieten. Außerdem wirken Städte als Wärmeinseln: Gerade bei ungünstiger Witterung finden Zugvögel hier bessere Nahrungsbedingungen, um Energie für ihre Weiterreise zu sammeln. Diese Ressourcen sind entscheidend, denn der Vogelzug ist extrem kräftezehrend. Störungen auf Rastplätzen können darüber entscheiden, ob ein Tier sein Ziel erreicht.
BEN: Welche Probleme entstehen in Städten und an Gebäuden – und welche Rolle spielt künstliches Licht?
Sylvia Weber: Zentrale Gefahren gehen in Städten vor allem von Glas und Licht aus, die oft zusammenwirken. Allein in Deutschland sterben jedes Jahr über 100 Millionen Vögel durch Kollisionen mit Glasscheiben – besonders viele davon während der Zugzeiten im Frühjahr und Herbst. Große Glasflächen in der Nähe von Grünräumen oder Gewässern sind dabei besonders riskant. Da der Vogelzug nicht gebündelt, sondern flächig erfolgt, kann praktisch jede Stadt mit ihren gläsernen Bauwerken zur Gefahrenzone werden. Zusätzlich verschärft künstliches Licht das Problem: Vor allem nachtaktive und nachtziehende Vögel werden von beleuchteten Gebäuden irritiert. Sie verlieren die Orientierung, kreisen erschöpft um Lichtquellen oder weichen von ihrer Route ab – häufig mit der Folge, dass sie mit Glasfassaden kollidieren. Untersuchungen zeigen, dass stark beleuchtete Gebäude gerade während der Zugzeiten regelmäßig besonders hohe Opferzahlen verursachen. Lichtverschmutzung führt zudem zu Stress und Energieverlust und wirkt indirekt, indem sie Insekten anzieht oder vernichtet, die vielen Vogelarten als wichtige Nahrungsquelle dienen.
BEN: Sind nur Zugvögel betroffen?
Sylvia Weber: Nein, die Gefährdung betrifft grundsätzlich alle Vogelarten. Neben den Spitzenwerten während des Vogelzugs treten viele Kollisionen auch in der Zeit auf, wenn Jungvögel ausfliegen. Zudem sind andere Tiere betroffen: Fledermäuse kollidieren ebenfalls mit Glas, und künstliches Licht beeinflusst zahlreiche nachtaktive Arten.
BEN: Was macht Glas so gefährlich?
Sylvia Weber: Zwei Faktoren spielen eine Rolle: Transparenz und Spiegelung. Durchsichtiges Glas nehmen Vögel oft nicht wahr, sodass sie ungebremst dagegen fliegen. Gleichzeitig spiegeln Glasflächen Himmel, Vegetation oder Wasser – also vermeintlich geeignete Lebensräume. Vögel können diese Reflexionen nicht von der Realität unterscheiden und steuern sie gezielt an. Je nach Umgebung sind unterschiedliche Arten betroffen: Offenlandvögel reagieren eher auf Himmelsspiegelungen, Singvögel auf reflektierte Vegetation.
BEN: Welche Materialien und Bauweisen sind problematisch?
Sylvia Weber: Besonders kritisch sind große, zusammenhängende Glasflächen und stark reflektierende Materialien wie Spiegelglas oder polierte Metalloberflächen. Auch moderne Isolierverglasungen erhöhen durch stärkere Reflexion das Risiko. Kollisionen treten nicht nur an Fassaden auf, sondern auch an Glasbrüstungen, Lärmschutzwänden, verglasten Übergängen oder Bushaltestellen. Grundsätzlich gilt: Je höher der Glasanteil, desto größer die Gefahr.
BEN: Was können Architekt*innen konkret tun?
Sylvia Weber: Der wichtigste Schritt ist ein bewusster Umgang mit Glas: Es sollte nur dort eingesetzt werden, wo es funktional notwendig ist. Unvermeidbare Glasflächen können frühzeitig mit speziellen flächigen Markierungen geplant werden, die für Vögel gut erkennbar sind und zugleich die Durchsicht für Menschen sowie die Gestaltung geringstmöglich beeinträchtigen. Für bestehende Gebäude gibt es nachrüstbare Lösungen wie Folien. Ebenso entscheidend ist die Reduktion von Lichtemissionen. Nachtbeleuchtung sollte auf das notwendige Maß beschränkt bleiben. Außenbeleuchtung sollte warmweiß sein, nach unten strahlen und nur bei Bedarf eingeschaltet werden. Auch die Standortplanung spielt eine Rolle: Gebäude in direkter Nähe zu Grünflächen oder Gewässern bergen ein erhöhtes Risiko und erfordern besondere Schutzmaßnahmen. Beratung durch Fachstellen kann helfen, geeignete Lösungen zu finden.
BEN: Wie lassen sich Siedlungsränder vogelgerecht gestalten?
Sylvia Weber: Ortsränder weisen oft eine hohe Artenvielfalt auf und sollten möglichst wenig versiegelt werden. Wo gebaut wird, sind naturnahe, strukturreiche Außenanlagen entscheidend. Heimische, fruchttragende Gehölze bieten Nahrung für Zugvögel, Hecken schaffen Rückzugsräume. Eine reduzierte Beleuchtung und ein bewusster, auf das Nötige beschränkter Einsatz von Glas tragen zusätzlich dazu bei, Gefahren zu minimieren.
Fazit
Städte können wichtige Lebensräume für Zugvögel sein – doch nur, wenn Planung und Gestaltung ihre Bedürfnisse berücksichtigen. Besonders der Einsatz von Glas und Beleuchtung erfordern ein Umdenken, um urbane Räume sicherer für Tiere zu machen.
Interview: Lucia Nückel, BEN

