14.09.2026

Modelling in der Unterstützten Kommunikation

Leichte Sprache und Unterstützte Kommunikation

Unterstützte Kommunikation mit einem Talker zur Verständigung.
Zwei Personen bedienen gemeinsam ein Tablet mit einer Kommunikations-App. Auf dem Bildschirm sind Symbole und Bildkarten zur unterstützten Kommunikation zu sehen.

Unterstützte Kommunikation mit einem Talker zur Verständigung.

Foto: Julia Merkel

Cem ist neun Jahre alt und spricht nicht. Im Rahmen des Unterrichts und der Therapie wurden Gebärden und Symbole eingesetzt, jedoch führte das nicht zu dem gewünschten Erfolg. Nach einer Beratung mit einer Hilfsmittelfirma wurde Cem mit einer elektronischen Kommunikationshilfe versorgt. Die Vorfreude war groß, er äußerte in wiederkehrenden Situationen zu Hause Nomen und vereinzelte Verben („Ich möchte …“) und auch die im Unterricht geforderten Begriffe. Doch seit einiger Zeit scheint die Entwicklung zu stagnieren und Cem lernt keine neuen Wörter dazu. Ist sein Potential hiermit schon ausgeschöpft?

Sprachentwicklung

In der regulären Sprachentwicklung sind Kinder mit gänzlich anderen Bedingungen konfrontiert als Cem. Hier erfahren Kinder von Anfang an ein regelrechtes „Sprachbad“, das in verschiedene Situationen und Kontexte eingebettet ist. Im Vordergrund stehen hier der Spaß und das freudvolle Miteinander. Das Kind verfügt zunächst über wenige kommunikative Kompetenzen und dennoch sprechen wir mit dem Kind. Täglich hören sie von ihren Bezugspersonen im Schnitt 4.000 Wörter pro Tag. Dies bedeutet, dass sie allein in ihrem ersten Lebensjahr 1.500.000 Wörter hören, bevor sie nach knapp einem Jahr wenige Worte sprechen können (z.B. „Mama. Da.“).

Zwar haben auch Cems Bezugspersonen mit ihm gesprochen, doch haben sie dabei nicht Cems Kommunikationsformen verwendet. Durch das Ausbleiben des Inputs in seiner Sprache, konnte Cem keine Erfahrungen aus seinem Alltag sammeln und so auch nicht lernen, wie er seine Kommunikationsform einsetzen kann. Auch der Umfang seines Vokabulars war von Anfang an begrenzt, da nur angeboten wurde, was die Bezugspersonen für wichtig hielten. Daher konnte er auch nur eine Kommunikationsfunktion anwenden, und zwar das Einfordern von Dingen und Handlungen. Wie er mit Unterstützter Kommunikation Nähe herstellt, kommentiert oder Fragen stellt blieb aus. So konnte Cem auch nicht lernen seine Kommunikationsform flexibel einzusetzen. .

Modelling

Mit dem Blick auf die reguläre Sprachentwicklung sehen wir, dass der Bedarf an sprachlichem Input durch das individuelle Kommunikationssystem deutlich höher ist, als er in der Praxis Anwendung findet.

Wenn wir den Fokus auf das Miteinander der Kommunikationspartnerinnen und -partner legen und die Bezugspersonen, die die Sprache bereits beherrschen, als sprachliche Vorbilder dienen, schaffen wir ähnliche Bedingungen wie bei der regulären Sprachentwicklung.

In der Unterstützten Kommunikation wird dieses Vorgehen als Modelling bezeichnet.

Praktisch angewandt, wird das Verhalten der UK-Nutzerinnen und - Nutzer durch die Bezugspersonen versprachlicht („Ich glaube du möchtest… sagen.“) sowie auch ihre eigenen Gedanken, Bedürfnisse und Äußerungen. Dies geschieht, ohne dabei eine Voraussetzung an die Nutzerinnen und Nutzer zu haben: Sie müssen keine Symbole antippen, sie müssen die Symbole nicht kennen und sie müssen auch nicht hinsehen oder reagieren. Da diese Kommunikationssituationen immer und überall im Alltag stattfinden, muss auch immer ein Zugang zur Kommunikationshilfe gewährt werden. Es müssen keine künstlichen Situationen geschaffen werden, da es oft die einfachen Momente im Alltag sind, die der Sprache und der Kommunikation die größte Bedeutung verleihen.

Im Gegensatz zu anderen Verfahren erhalten die Nutzerinnen und Nutzer von Anfang an einen Zugang zu umfangreichem Vokabular. Dies ist einerseits wichtig für die Bezugspersonen, um in vielen Situationen spontan flexiblen Wortschatz anbieten zu können. Aber auch die Nutzerinnen und Nutzer benötigen diesen umfangreichen Wortschatz, um von Anfang an viele Erfahrungen mit Sprache sammeln zu können und zu lernen diesen Wortschatz flexibel einsetzen zu können.

In der Praxis fällt jedoch immer wieder auf, dass dem Umfeld die Umsetzung schwerfällt. Das hat nachvollziehbare Gründe:

  • Da UK keine natürliche Sprache ist, fühlt es sich für die Bezugspersonen befremdlich an, UK mitzunutzen. Zudem müssen auch sie sich das Vokabular erarbeiten, auf das sie in den Situationen zugreifen möchten. Das erfordert Einsatz, der sich jedoch lohnt!
  • Das Umfeld muss auch aushalten, dass zunächst nur wenige Effekte sichtbar sind. Gleichzeitig müssen die Betroffenen sich mit diesem Prozess vertraut machen und eigene Erfahrungen sammeln können. Dabei erhalten sie Unterstützung durch ihre Bezugspersonen.

Fazit

Abschließend lässt sich festhalten, dass Modelling für die meisten Nutzerinnen und Nutzer eine empfehlenswerte Strategie ist. Dabei ist es wichtig, dass auch das Umfeld engagiert ist. Die Bezugspersonen sollten Geduld und Vorschussvertrauen mitbringen. So schaffen sie gute Voraussetzungen für eine gelingende Kommunikation. Die Wirksamkeit von Modelling in Bezug auf Sprachverständnis und Sprachproduktion konnte zudem in einer Metastudie von O´Neill et.al. (2018) nachgewiesen werden.

Text: Marius Scharl

Quellen

C. Castañeda, N. Fröhlich, M. Waigand (2017): Modelling in der Unterstützten Kommunikation: Ein Praxisbuch für Eltern, pädagogische Fachkräfte, Therapeuten und Interessierte. (Reihe: Die UK-Ideenkiste). Monika Waigand.

T. O´Neill, J. Light, L. Pope (2018): Effects of Interventions that Include Aided AAC Input on the Communication of Individuals with Complex Communication Needs: A Meta-analysis. Journal of Speech, Language, and Hearing Research, 61, 1743-1765.