Ist die Kommunikation mit "Ja" und "Nein" wirklich so einfach?
Leichte Sprache und Unterstützte Kommunikation

Für lautsprachlich kommunizierende Menschen zählen Ja-Nein-Fragen zum kommunikativen Alltag. Auch bei Menschen die Unterstützte Kommunikation nutzen werden diese Fragestrategien verwendet. Oft, wenn keine adäquate Hilfe oder passendes Vokabular bereitsteht wird in der Praxis darauf zurückgegriffen. Doch ist dies wirklich immer sinnvoll?
(K)eine eindeutige Frage
Wird in einer Frühstückssituation gefragt: „Möchtest du Nutella auf dein Brot haben?“, kann diese Frage beantwortet werden, wenn sowohl die Wurst als auch das Brot auf dem Tisch stehen. Wird diese Frage durch Zeigen auf das Nutellaglas oder Wegdrehen des Kopfes beantwortet, schließt das nähere Umfeld schnell daraus, dass die Person sehr viel versteht. Sehen wir uns die Situation aber genauer an, sehen wir, dass das Glas, sowie das Brot als Repräsentanten für den Wunsch nach einem Nutellabrot stehen.
Wird uns eine Frage in einer fremden Sprache gestellt, können wir auch ohne Kontext anhand der Stimmführung erkennen, dass es sich um eine Frage handelt. In einer uns völlig fremden Sprache verstehen wir allerdings gar nichts. Bei dem niederländischen Satz „Will je Vandaag graag je paarse trui aan?“, verstehen wir möglicherweise noch, dass es sich um eine Frage handelt und vielleicht die Teile „Willst du … an?“. Die genaue Bedeutung können wir uns ohne Informationen aus der Situation nicht erschließen. Wir müssen also raten, was möglicherweise damit gemeint ist. Die Bedeutung „Möchtest du heute gern den lila Pullover anziehen?“ verstehen wir aber nicht. Wir denken vielleicht, dass es ums Anziehen geht, beantworten die Frage mit „Ja“, aber eigentlich wollten wir genau dieses Kleidungsstück heute nicht tragen.
Fragetypen und ihre Komplexität
Um beurteilen zu können, ob eine Person ein Ja-Nein-Konzept entwickelt hat, müssen wir wissen, dass es verschiedene Typen lautsprachlich gestellter Ja-Nein-Fragen gibt. Diese unterscheiden sich durch ihren Grad der Abstraktion. In diesem Abstraktionsgrad wird zwischen intentionalen Fragen und assertiven Fragen unterschieden. Bei Intentionalen Fragen geht es um das Wollen einer Person, wie in dem Beispiel am Frühstückstisch.
Mit assertiven Fragen, kann der Wahrheitsgehalt einer Behauptung erfragt werden. In Anlehnung an Bober (früher Volbers) werden insgesamt vier Fragetypen unterschieden:
Intentionale Fragen – Fragen nach dem Wollen:
- „Willst du etwas haben?“
Diese Fragen sind am einfachsten zu verstehen, weil sie meist in die Situation eingebettet sind und man sich Dinge bildlich vorstellen kann.
- „Willst du etwas tun?“
Diese Fragen sind schwieriger zu verstehen, weil die Begriffe für Tätigkeiten abstrakter und weniger eindeutig vorstellbar sind als die für die Dinge.
Assertive Fragen – Fragen nach dem Wahrheitsgehalt:
- „Stimmt es, dass …?“
Diese Fragen sind noch schwieriger zu verstehen, weil sie die Zuordnung eines Wahrheitswertes zu einer Aussage und somit Satzverständnis erfordern.
- „Stimmt es nicht, dass …?“
Diese Fragen sind am schwierigsten, da sie sowohl Satzverständnis als auch das der sprachlichen Negation erfordern. Sie werden im Alltag aber oft verwendet.
Welche Kompetenzen werden für Ja-Nein-Fragen benötigt?
Um eine ausschließlich mit Lautsprache gestellte Ja-Nein-Frage korrekt beantworten zu beantworten zu können müssen mehrere Teilleistungen erbracht werden:
- Konzentriertes zuhören
- Das gehörte ohne zusätzliche Hinweise in seinen einzelnen Aspekten zu verstehen und zu bearbeiten
- Überlegt und nicht impulsiv auf Reize oder Schlüsselbegriffe sofort reagieren
- An das gehörte erinnern
- Die eigenen Wünsche und das Wissen zu einem Sachverhalt erkennen, beurteilen und mit dem Inhalt der Frage abgleichen
Was kann zur Förderung eines Ja-Nein-Konzepts getan werden?
Zentral für die Entwicklung der Vorläuferfähigkeiten eines umfangreichen Ja-Nein-Konzepts sind Erfahrungen aus der dinglichen und sozialen Umwelt. Zudem muss ein Symbolverständnis gegeben sein, da nur eine Vorstellung für einen Begriff, als Stellvertreter für eine Handlung oder ein Objekt eingesetzt werden kann. Ja-Nein-Entscheidungen zu treffen kann unter anderem gefördert werden, indem aufeinander aufsteigende Auswahlmöglichkeiten geboten werden, welche durch Realgegenstände, Fotos oder grafische Symbole dargestellt werden können.
Text: Marius Scharl, CAB Caritas
Quellenangaben
Weid-Goldschmidt, Bärbel (2013): Zielgruppen Unterstützter Kommunikation. Fähigkeiten einschätzen – Unterstützung gestalten. 2. Auflage, Von Loeper Literaturverlag, Karlsruhe.
