43. Podcast-Folge: Leichte Sprache mit KI – warum die Prüfung durch die Zielgruppe wichtig bleibt
Podcast - Digitale Barrierefreiheit
Im Gespräch mit Fabian Schlauch von KLAO sowie Florian Nüßlein und der Prüfgruppe für Leichte Sprache der Arche gGmbH.
In dieser Folge von „Barriere? Los!“ sprechen wir darüber, wie Künstliche Intelligenz dabei unterstützen kann, Texte in Leichte Sprache zu übersetzen – und warum Technik allein dafür nicht ausreicht. Das Unternehmen KLAO verbindet eine KI-gestützte Übersetzung mit der fachlichen Bearbeitung und der anschließenden Prüfung durch Menschen mit Lernschwierigkeiten.
Gemeinsam mit KLAO-Mitgründer Fabian Schlauch, Prüfassistent Florian Nüßlein sowie Maria Hofmann, Johanna Demmer und Franz-Josef Pfister aus der Prüfgruppe der Arche gGmbH gehen wir der Frage nach, wie dieser Prozess in der Praxis funktioniert. Wir sprechen über die Unterschiede zwischen Leichter und Einfacher Sprache, die Bedeutung einer einheitlichen und verständlichen Wortwahl, den Einsatz von Bildern sowie die Möglichkeiten und Grenzen KI-generierter Inhalte.
Außerdem berichten die Mitglieder der Prüfgruppe, in welchen Alltagssituationen ihnen Leichte Sprache hilft und warum Menschen, die leicht verständliche Informationen benötigen, nicht unterschätzt werden dürfen.
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Links zur Folge:
- KLAO – Software für Leichte Sprache: Informationen zur KI-gestützten Übersetzung von Texten in Leichte und Einfache Sprache sowie zur fachlichen Bearbeitung und Prüfung der Texte.
- Informationen über KLAO in Leichter Sprache: KLAO erklärt die Software, den Übersetzungsprozess und die Zusammenarbeit mit Menschen mit Lernschwierigkeiten in Leichter Sprache.
- Arche gGmbH: Informationen über die Einrichtungen und die inklusive Arbeit der Arche gGmbH.
- Kooperation für Inklusion: Projektseminar „Leichte Sprache“: Ein gemeinsames Projekt der Arche gGmbH und des Matthias-Grünewald-Gymnasiums Würzburg.
- DIN SPEC 33429 „Empfehlungen für Deutsche Leichte Sprache“: Informationen des Deutschen Instituts für Normung zu den einheitlichen Empfehlungen für das Schreiben, Übersetzen und Gestalten von Inhalten in Leichter Sprache.
- DIN SPEC 33429 kostenlos herunterladen: Die Empfehlungen können bei DIN Media als barrierefreies PDF heruntergeladen werden.
- Regeln für Leichte Sprache – Netzwerk Leichte Sprache: Informationen zu den Regeln für Leichte Sprache und zur Prüfung von Texten durch Menschen mit Lernschwierigkeiten.
- Fachbeitrag: Leichte Sprache mithilfe von KI: Die Landesfachstelle Barrierefreiheit ordnet die Möglichkeiten und Grenzen KI-gestützter Übersetzungen fachlich ein.
- 23. Podcast-Folge: Kann KI auf Knopfdruck Texte in Leichte Sprache übersetzen?: Eine frühere Folge von „Barriere? Los!“ über die Potenziale und Grenzen KI-gestützter Übersetzungen in Leichte Sprache.
Allgemeine Links:
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Dennis Bruder: Zu Beginn der heutigen Folge gibt es ausnahmsweise keinen Ausschnitt aus der Folge, sondern einen Hinweis in eigener Sache. Die Beratungsstelle Barrierefreiheit heißt nun Landesfachstelle Barrierefreiheit. Alle Beratungen zur digitalen Barrierefreiheit sowie zur Leichten Sprache und der Unterstützten Kommunikation und baulichen Barrierefreiheit bleiben aber die gleichen.
Dennis Bruder: Und dann kommen wir auch schon zur heutigen Folge, nämlich einem Interview mit KLAO, einem Unternehmen, das KI-gestützt in Leichte Sprache übersetzt.
Jingle: „Barriere? Los!“ – der Podcast für barrierefreie Lösungen im digitalen Raum.
Dennis Bruder: Hallo und willkommen zu „Barriere? Los!“, dem Podcast zur digitalen Barrierefreiheit. Mein Name ist Dennis Bruder von der Landesfachstelle Barrierefreiheit in Bayern. Heute wollen wir über ein Thema sprechen, das wir zwar schon behandelt haben, aber wir es nun noch einmal mit einem ganz neuen Ansatz betrachten wollen. Nämlich Leichte Sprache und KI-gestützte Übersetzung. Wir sprechen heute mit einem der Gründer von KLAO sowie mit Mitarbeitenden der Arche darüber, wie KI-gestützte Übersetzung, fachliche Bearbeitung und die Prüfung durch Menschen mit Lernschwierigkeiten zusammenspielen. Bevor ich mit meinen Fragen jetzt aber anfange, würde ich in die Runde bitten, dass sich alle Interviewpartnerinnen einmal persönlich vorstellen. Wir fangen an mit Herrn Schlauch, dem Mitgründer von KLAO. Können Sie mal anfangen und sich einmal vorstellen und dann die Rolle bei KLAO auch beschreiben?
Fabian Schlauch: Sehr gerne. Hallo an alle Zuhörerinnen. Ich bin Fabian Schlauch. Ich bin einer der Gründer von KLAO. Wir sind inzwischen ein wachsendes Start-up. Wir kommen eigentlich aus der Universität Würzburg und beschäftige uns ganz viel mit barrierefreier Sprache, Leichter Sprache und Einfacher Sprache. Meine Rolle ist bei KLAO überwiegend, die Software zu verkaufen, aber auch eben alles, was man so als Gründer machen muss - also Finanzplanung, mit verschiedenen Akteurinnen sprechen, mit der Prüfgruppe zum Beispiel auch sprechen. Also sehr, sehr vielseitig, was so meine Aufgaben sind. Genau.
Dennis Bruder: Dann weiter in die Runde, nämlich die Arche und alle Vertreter*innen aus der Arche.
Florian Nüßlein: Genau. Dann darf ich mich vorstellen als Vertreter der Wohneinrichtung. Ich bin Florian Nüßlein. Ich komme auch noch als Vertreter für meine Kollegin Frau Martina Stöcker. Wir sind beide die Prüfassistenten für das Projekt Leichte Sprache. Und ich sitze neben unseren Hauptpersonen hier, neben unseren Prüfern für Leichte Sprache: einmal zu meiner linken Seite Herr Pfister, ein Prüfer, der uns hier unterstützt, zu meiner rechten Seite Maria Hofmann, genau, die uns auch tatkräftig unterstützt. Und die Dritte im Prüfteam ist Johanna Demmer. Wir sind sozusagen die Arbeitsgruppe für KLAO in Zusammenarbeit mit dem Thema Leichte Sprache. [Anmerkung: Alle drei Prüferinnen und Prüfer ihren Namen selbst gesagt]
Dennis Bruder: Ja, ich wollte schon mal gleich am Anfang fragen, wie diese Kooperation, die ja KLAO mit der Arche hat, genau ausschaut.
Florian Nüßlein: Genau. Wir kennen uns jetzt seit einem halben Jahr ungefähr, ungefähr ein halbes Jahr. Das Ganze ist relativ zufällig, kann man so sagen, entstanden. Die Arche hat seit zwei Jahren ein Projekt mit einem Würzburger Gymnasium, genauer gesagt dem Matthias-Grünewald-Gymnasium, zu dem Thema Leichte Sprache, dort im Rahmen eines Schulprojekts für elfte Klassen in Bayern. Und dort wurde ein Kontakt, oder hat sich ein Kontakt ergeben, über das Büro für Leichte Sprache in Würzburg zu dem Start-up-Unternehmen KLAO. Und wir als Arche-Bewohner und -Bewohnerinnen waren da sehr angetan, waren da sehr neugierig, was dieses Start-up-Unternehmen zu diesem wichtigen Thema auf den Weg gebracht hat. Und so kamen wir in Kontakt über das Schulprojekt und, ja, sind gerade auf einem Findungsweg zusammen mit dem jungen Unternehmen und sind sehr begeistert und freuen uns, was die Zukunft noch bringen wird.
Fabian Schlauch: Wir können vielleicht auch noch kurz was dazu sagen, weil bei uns war es so, dass wir Ende letzten Jahres, also Ende 2025, aktiv nach einer Prüfgruppe gesucht haben, die uns unterstützen kann. Und da war eben dann eigentlich dieser Zufall, der sich da ergeben hat, richtig gut für uns, weil es tatsächlich auch gar nicht so leicht ist, gute Prüfgruppen zu finden. Und das war super, dass sich das so ergeben hat.
Dennis Bruder: Ja, spannende, tolle Kooperation. Bevor wir jetzt über KLAO, also das Tool oder diesen konkreten Prüfprozess sprechen, würde ich aber noch mal ganz grundsätzlich einsteigen für alle Zuhörenden, die vielleicht das Thema Leichte Sprache auch noch nicht so gut kennen. Was ist denn Leichte Sprache ganz genau?
Fabian Schlauch: Genau, da würde ich noch mal einen kleinen Schritt zurückgehen. Und zwar: Bei barrierefreier Sprache gibt es verschiedene Möglichkeiten. Und das Bekannteste dabei ist, würde ich sagen, Einfache Sprache und Leichte Sprache. Wir beschäftigen uns mit beiden, aber im Zuge der Prüfgruppe überwiegend mit Leichter Sprache. Und ganz im Allgemeinen kann man sagen, dass Leichte Sprache eine Vereinfachung der deutschen Sprache ist. Im Fachjargon sagt man da eine Varietät des Deutschen. Und Leichte Sprache möchte eben Informationen möglichst einfach Menschen mit Lernschwierigkeiten zur Verfügung stellen und vereinfacht eben so Inhalte, dass auch Menschen mit Lernschwierigkeiten Texte lesen und verstehen. Und hat eben so als Ziel, dass möglichst viele Menschen einfach an unserer Informationsvielfalt in der Gesellschaft teilhaben können. Dazu gibt es verschiedene Regelwerke, zum Beispiel die vom Netzwerk Leichte Sprache, aber auch die DIN für Leichte Sprache, an der wir uns überwiegend orientieren. Und eben ganz besonders an der DIN oder auch in dem Regelwerk vom Netzwerk ist festgehalten, dass Leichte Sprache auch direkt durch die Zielgruppe geprüft werden soll. Heißt: Menschen mit Lernschwierigkeiten sollen auch die Texte lesen und auf Verständnis prüfen. Und deswegen war es uns auch ganz wichtig, eben in unserem Weg da auch dann direkt mit Menschen mit Lernschwierigkeiten zusammenzuarbeiten und zum einen diese DIN zu erfüllen, aber auch einfach, um den inklusiven Gedanken von Leichter Sprache einfach mitzunehmen, zu erfüllen. Genau.
Dennis Bruder: Da hätte ich noch eine kurze Rückfrage. Und zwar haben Sie auch darüber gesprochen, dass es bei barrierefreier Sprache eben auch die Einfache Sprache gibt. Ist es in dem KLAO-Ansatz auch inkludiert, also dass man auch sagen kann, man will einen Text nur in Einfacher Sprache haben?
Fabian Schlauch: Ja, also mit KLAO – was genau KLAO ist, kommen wir da später auch noch mal drauf – kann man auch Texte in Einfache Sprache übersetzen. Da ist aber so, dass das Regelwerk sagt, dass die eben nicht durch Menschen mit Lernschwierigkeiten geprüft werden soll. Deshalb bieten wir auch Einfache Sprache an, aber eben nicht in Zusammenhang mit Menschen mit Lernschwierigkeiten. Nicht zuletzt auch, weil Einfache Sprache etwas komplizierter ist als Leichte Sprache und noch mal eine andere Zielgruppe hat als die Leichte Sprache. Weil Einfache Sprache richtet sich zum Beispiel auch an Menschen, die Deutsch als neue Sprache lernen. Das ist jetzt nicht die direkte Zielgruppe von Leichter Sprache.
Dennis Bruder: Okay, dann kommen wir wieder zur Leichten Sprache, weil die auch für uns in der Beratung besonders interessant ist, weil eben viele öffentliche Stellen auch einfach Sektionen in Leichter Sprache anbieten müssen. Also es ist Teil der gesetzlichen Lage in Deutschland. Vielleicht können Sie mal beschreiben, Herr Nüßlein, als Vertreter der Arche, wer die Zielgruppen für Leichte Sprache genau sind, also für wen ist Leichte Sprache besonders wichtig?
Florian Nüßlein: Ja, Herr Schlauch hatte schon gesagt: also Menschen mit Lernbeeinträchtigung. Ich würde sie sozusagen auch noch ein bisschen, sogar erweitern. Wir als Einrichtung haben auch Menschen mit erworbenen Beeinträchtigungen, mit erworbenen Behinderungen, die natürlich auch von dem Prinzip der Leichten Sprache profitieren können. Ebenso Menschen mit einer sogenannten geistigen Behinderung. Über die Begrifflichkeit kann man ja immer auch sehr streiten. Aber ich würde behaupten, dass Menschen mit diesen Beeinträchtigungen den Zugang zu Bildung, Zugang zu Informationen, die in Leichter Sprache aufbereitet werden, noch mal einen ganz anderen, ja, Vorteil haben, um teilhaben zu können an der ganzen Informations-, ja, Flut, die in unserer Gesellschaft besteht. Einfach auch noch mal, um bestimmte Dinge, wir nennen es mal jetzt zum Beispiel Nachrichten, aktuelles Tagesgeschehen, auch für sich noch mal aufzunehmen und, ja, davon zu profitieren. Also die Zielgruppe der Menschen mit Lernbeeinträchtigung, mit erworbenen Beeinträchtigungen und, ja, sogenannter geistiger Behinderung.
Dennis Bruder: Damit wir nicht nur über die Zielgruppe reden, sondern auch mit ihr: Wie und wo hilft Leichte Sprache konkret? Vielleicht kann jemand aus der Prüfgruppe antworten.
Florian Nüßlein: Ich würde die Frage an Maria Hofmann weitergeben.
Maria Hofmann: Mir hilft Leichte Sprache zum Beispiel bei medizinischen Fragen. Es würde helfen, wenn Fachbegriffe nicht einfach im Raum stehen bleiben, sondern leichter erklärt werden.
Dennis Bruder: Möchte noch jemand etwas ergänzen?
Johanna Demmer: Mir hilft es auch, Informationen leichter zu hören.
Florian Nüßlein: Genau. Das Hören ist ebenfalls ein wichtiger Kanal. Menschen mit Beeinträchtigungen nehmen viele Informationen über das Hören auf, insbesondere wenn ihnen das Lesen Schwierigkeiten bereitet. Deshalb sollten Informationen auch über diesen Kanal leicht verständlich aufbereitet werden – gerade Nachrichten und Informationen, die im Alltag relevant sind.
Dennis Bruder: Ein interessanter Ansatz: Es geht also nicht nur um das Lesen. Mehrere Kanäle können helfen. Herr Pfister, möchten Sie noch ergänzen?
Franz-Josef Pfister: Auch das Fernsehen ist wichtig. Viele Nachrichtensendungen sollten Leichte Sprache anbieten. Für Menschen, die sich viel über das Fernsehen informieren, ist es wichtig, dass dort das Prinzip der Leichten Sprache umgesetzt wird.
Dennis Bruder: Wir haben nun gehört, warum das Thema so wichtig ist. Dann kommen wir zum eigentlichen Thema unseres Podcasts zur digitalen Barrierefreiheit: dem Tool KLAO. Was ist KLAO, was macht es und wie funktioniert der Prozess dahinter? Herr Schlauch?
Fabian Schlauch: KLAO ist eine Software, die öffentlichen Einrichtungen unterschiedlicher Art – zum Beispiel Kommunen, Landkreisen, der Bundesagentur für Arbeit, aber auch Museen – ermöglichen soll, alltagssprachliche Texte in DIN-konforme und geprüfte Leichte Sprache zu übersetzen. Das Ganze soll kosten- und zeiteffizient funktionieren. Öffentliche Einrichtungen erhalten zunächst eine Software, mit der sie alltagssprachliche Texte mithilfe von KI in Leichte Sprache übersetzen, bebildern und weiterbearbeiten können. Per Knopfdruck kann der Text anschließend automatisiert an unser zweites Portal weitergegeben werden. Dort erhält ihn eine bei uns arbeitende Expertin oder ein Experte für Leichte Sprache. Diese Person prüft, ob alle DIN-Regeln erfüllt sind, und gibt den Text danach an unsere Prüfgruppe weiter. Die Prüferinnen und Prüfer lesen den Text und prüfen ihn auf Verständlichkeit. Wenn sie etwas finden, geht er zurück an die Fachperson, wird optimiert und erneut geprüft. Diese Schleife läuft so lange, bis die Prüferinnen und Prüfer sagen: „Ich habe alles verstanden, das passt.“ Dann geht der Text automatisiert an die öffentliche Einrichtung zurück. Der Vorteil ist, dass die Redaktion und Abstimmung weitgehend bei der Einrichtung bleibt. Sie kann ihren Text selbst übersetzen und spart Kosten und Zeit, ohne auf die Einbeziehung von Menschen mit Lernschwierigkeiten und einen hochwertigen Text zu verzichten. Wir übernehmen außerdem den Austausch mit der Prüfgruppe. So kombinieren wir künstliche Intelligenz mit der Expertise von Menschen mit Lernschwierigkeiten. Besonders an unserem Ansatz ist außerdem, dass die KI aus dem Feedback der Prüfgruppe lernen und sich weiter verbessern kann. Es ist, wenn man so möchte, ein partizipatives KI-Modell, das auf dem Wissen von Menschen mit Lernschwierigkeiten aufbaut.
Dennis Bruder: Damit sind wir schon tief im Prozess. Entscheidend ist das Zusammenspiel mit der Prüfgruppe. Wie geht die Prüfgruppe genau vor?
Fabian Schlauch: Unsere Fachperson schaut zunächst auf den Text und bereitet ihn für die Prüfgruppe vor. Dann übergibt sie ihn an Herrn Nüßlein, der inzwischen ein eigenes Vorgehen dafür entwickelt hat.
Florian Nüßlein: Wir erhalten die bereits bearbeiteten Texte als Word-Dokument. Meine Kollegin Martina Stöcker und ich zeigen sie der Prüfgruppe auf einem größeren Bildschirm. Wir lesen die Texte beziehungsweise einzelne Abschnitte gemeinsam vor und durch. Dafür haben wir uns intern ein kleines Werkzeug erarbeitet: Wir fragen nach der Verständlichkeit der gewählten Wörter, danach, was am Text auffällt und welche Fragen zu den Abschnitten bestehen. So besprechen wir jede Passage. Fragen, die beim Lesen oder Vorlesen entstehen, greifen wir auf. Unsere Ergebnisse und Auffälligkeiten dokumentieren wir mit der Kommentarfunktion in Word. Wir weisen zum Beispiel darauf hin, dass bestimmte Wörter einheitlich verwendet werden sollten oder dass ein Abschnitt visuelle Unterstützung durch ein aufbereitetes Bild benötigt. Diese Möglichkeit ist auch in der KLAO-Software enthalten. Am Ende gehen wir den gesamten veränderten Text noch einmal durch und schicken unsere Bearbeitung an KLAO zurück.
Dennis Bruder: Kann man ungefähr sagen, wie gut die Softwareübersetzung nach der fachlichen Bearbeitung bereits ist? Wie verständlich wird der Text angeliefert und wie viel muss die Prüfgruppe noch nacharbeiten?
Florian Nüßlein: Bei einem Text ist uns zum Beispiel aufgefallen, dass derselbe Begriff unterschiedlich verwendet wurde.
Johanna Demmer: Genau – in einem laufenden Text wurde einmal von „Bahn“ und einmal von „Zug“ gesprochen.
Florian Nüßlein: Das war ein wichtiger Änderungshinweis: Der Text sollte dieselben Wörter einheitlich verwenden. Solche Hinweise geben wir weiter. Im Großen und Ganzen sind die Texte, die wir bislang von KLAO erhalten haben, aber schon gute Vorlagen. Die Prinzipien und Regeln der Leichten Sprache werden weitgehend eingehalten, und die Texte sind bereits gut verständlich. Bislang hatten wir eher kleinere Anmerkungen. Offen gesagt brauchen wir aber noch mehr Texte und Erfahrungswerte. Wir sind gemeinsam auf einem guten Weg.
Dennis Bruder: Gibt es aus der Prüfgruppe Ergänzungen?
Maria Hofmann: Nein, keine Ergänzung.
Dennis Bruder: Sie haben gesagt, der Prozess dauert etwas länger. Gibt es eine ungefähre Richtgröße?
Florian Nüßlein: Wir haben zum Beispiel einen einseitigen Text ungefähr dreimal gemeinsam durchgearbeitet. Das war der Text mit dem Zug. Für eine Seite haben wir etwa eine halbe Stunde benötigt. Das kann man zunächst als groben Richtwert nehmen.
Fabian Schlauch: Wenn ein Text bei uns eingereicht wird, muss außerdem unsere Fachperson darauf schauen und ihn gegebenenfalls nachbearbeiten. Bis der Text wieder beim Auftraggebenden ist, rechnen wir ungefähr mit zwei bis vier Wochen. Wir möchten uns ausreichend Zeit nehmen, und auch die Verfügbarkeit der Prüfgruppe oder Krankheitsfälle spielen eine Rolle. Ein Monat ist daher ein guter Richtwert.
Dennis Bruder: Das ist eine hilfreiche Information für öffentliche Stellen, die ein Ergebnis zu einem bestimmten Zeitpunkt brauchen. Sie haben auch erwähnt, dass Bilder erstellt werden. Wie funktioniert das? Handelt es sich um Illustrationen oder um realistische Bilder? Und wie gut funktioniert die Bildgenerierung bereits?
Fabian Schlauch: Nach der Übersetzung kann man in der Software auf „Bilder generieren“ klicken und die einzelnen Abschnitte bebildern. Man kann entweder ein eigenes Bild hochladen – das ist natürlich am besten, wenn passende Bilder vorhanden sind – oder Bilder mit KI erstellen. Dabei kann man realistisch wirkende Bilder erzeugen oder Bilder, die an typische Darstellungen in Leichter Sprache angelehnt sind: reduzierte Bilder, klare Kontraste, kräftige Farben und weißer Hintergrund. Vereinfacht gesagt geht das eher in Richtung Comic oder Illustration. Man kann entweder automatisiert für einen Absatz ein Bild erstellen lassen oder genauer beschreiben, wie es aussehen soll. So lässt sich der Text Schritt für Schritt bebildern. Im Zusammenspiel mit unserer Fachperson schaut diese ebenfalls auf die Bilder. Wenn die Prüfgruppe sagt, dass ein Bild nicht passt, etwas fehlt oder die Darstellung unverständlich ist, kann die Fachperson ein neues Bild erstellen oder das bestehende Bild verändern lassen. Nach meiner Einschätzung sind die Bilder bereits sehr gut, insbesondere die Bilder im Stil der Leichten Sprache. Aber dazu sollten auch die Prüferinnen und Prüfer etwas sagen.
Dennis Bruder: Frau Hofmann, wie zufrieden sind Sie bislang mit den Bildern?
Maria Hofmann: Bei dem einen oder anderen Bild muss man vielleicht noch etwas ergänzen.
Florian Nüßlein: Genau. Manchmal ist bei den Bildern noch ein kleiner Feinschliff nötig. Wir prüfen auch, ob das Bild an der passenden Stelle steht, ob es visuell nicht zu viel wird und ob wichtige Informationen fehlen. Diese Hinweise geben wir offen weiter; danach geht das Bild wieder in den Bearbeitungsprozess.
Dennis Bruder: Gab es schon Fälle, in denen die KI ein benötigtes Bild nicht erstellen konnte? Gibt es dann eine Ausweichlösung, etwa eine Grafikerin oder einen Grafiker?
Fabian Schlauch: Bisher hat es immer funktioniert. Die Auftraggebenden erstellen die Bilder über die Software. In unseren Tests merken wir allerdings: Je abstrakter ein Text ist, desto schwieriger ist er auch visuell in Leichter Sprache abzubilden. Dann tut sich die KI manchmal schwer. Ebenfalls schwierig sind Texte, die mit Sexualität zu tun haben, zum Beispiel Aufklärungstexte. Hier haben wir die KI bewusst eingeschränkt, weil wir nicht möchten, dass ohne Kontrolle entsprechende Bilder erzeugt werden. Wir können diese Funktion intern freischalten, haben dafür aber einen eigenen Austausch- und Prüfprozess.
Dennis Bruder: Ein interessanter Punkt. Auch bei Themen wie Gewalt kann ich mir vorstellen, dass Grenzen nötig sind. Herr Schlauch, Sie haben bei den Bildern die Auswahl zwischen Illustrationen und realistischen Bildern erwähnt. Was wird für Leichte Sprache verlangt? Und erhält man am Ende ein gesetzlich beziehungsweise normativ konformes Ergebnis?
Fabian Schlauch: Ob reale Bilder oder Illustrationen besser sind, ist selbst unter Fachleuten umstritten. Deshalb möchte ich mich nicht auf eine Seite stellen. Beides hat Vor- und Nachteile. Manche Menschen mit Lernschwierigkeiten sagen: „Ich brauche keine Comic-Bilder, ich möchte echte Bilder; die verstehe ich.“ Andere finden eine gezeichnete oder illustrierte Darstellung verständlicher. Das unterscheidet sich von Person zu Person. Zur zweiten Frage: Ja, mit KLAO kann man einen Text erhalten, der die gesetzlichen und fachlichen Standards erfüllt. Relevant sind unter anderem die BITV und das BGG. Wir empfehlen aber dringend, zusätzlich die Prüfung durch die Zielgruppe zu nutzen. Auch die DIN für Leichte Sprache sieht vor, dass Menschen mit Lernschwierigkeiten auf die Texte schauen und sie auf Verständlichkeit prüfen. Erst dann sprechen wir von einem hochwertigen Text in Leichter Sprache.
Dennis Bruder: Sie würden also sagen: Man sollte eine Prüfgruppe einbeziehen?
Fabian Schlauch: Genau: Man sollte unsere Prüfoption nutzen und den Text nicht nur mit der KI übersetzen lassen. Die Prüfung ist bei uns optional, weil öffentliche Einrichtungen unterschiedliche Anforderungen haben. Für einen guten Text und für eine möglichst verlässliche rechtliche und fachliche Umsetzung ist die Prüfung aus unserer Sicht aber sehr sinnvoll.
Dennis Bruder: Das ist eine wichtige Unterscheidung: Es gibt mehrere Stufen und Auswahlmöglichkeiten. Für das bestmögliche Ergebnis sollte man den gesamten Prozess durchlaufen. Das Thema der Illustrationen zeigt außerdem gut, dass es keine pauschalen 100 Prozent Barrierefreiheit gibt. Es gibt Gesetze und Normen, aber was für eine Person besser ist, kann für eine andere schlechter sein. Hinter der Prüfung stehen Menschen, und in Streitfragen kann es unterschiedliche Einschätzungen geben. Gibt es zum gesamten Prozess noch etwas zu ergänzen?
Fabian Schlauch: Von unserer Seite ist soweit alles gesagt. Gerade bei den Bildern ist Feedback für uns sehr wertvoll. Unsere KI soll daraus lernen. Das gilt ebenso für die Texte.
Florian Nüßlein: Wir bekommen das Feedback von KLAO, geben es an unsere Prüfgruppe weiter und sind gespannt auf die nächsten Projekte.
Dennis Bruder: Herr Schlauch, wohin soll sich KLAO in den nächsten Jahren entwickeln?
Fabian Schlauch: Momentan liegt unser Fokus stark darauf, Kundinnen und Kunden zu gewinnen und größer zu werden. Das klingt leicht, ist aber eine Mammutaufgabe. Parallel überlegen wir, wie wir das Feedback der Prüferinnen und Prüfer noch besser in unsere KI zurückspielen können. Wenn die Zahl der zu prüfenden Texte wächst, möchten wir Möglichkeiten schaffen, damit die Prüfgruppe selbst in der Software arbeiten kann. Vorstellbar wäre zum Beispiel, dass Prüferinnen und Prüfer einen eigenen Laptop erhalten und im Text anklicken können: „Das habe ich nicht verstanden.“ Die KI könnte daraus lernen und im Idealfall direkt eine Anpassung vorschlagen. Auch auf einer veröffentlichten Website könnte es später eine Möglichkeit geben, dass Nutzerinnen und Nutzer unverständliche Abschnitte melden. Das ist bereits in unseren Überlegungen. Der größte Fokus liegt momentan aber zunächst auf dem Wachstum und der Weiterentwicklung des Unternehmens.
Dennis Bruder: Bekannter zu werden ist in diesem Segment wahrscheinlich besonders schwierig. Vielleicht können wir mit dieser Folge etwas dazu beitragen. Das letzte Wort möchte ich wieder der Prüfgruppe geben: In welchen Bereichen wünschen Sie sich mehr Leichte Sprache?
Florian Nüßlein: Herr Pfister, wo würden Sie sich mehr Leichte Sprache wünschen?
Franz-Josef Pfister: Beim Thema Drogen und Abhängigkeit.
Florian Nüßlein: Also im Gesundheitsbereich – zu Krankheit, Gesundheit, Vorsorge und auch zu Abhängigkeit. Gerade dort wäre mehr Unterstützung in Leichter Sprache für Menschen mit Beeinträchtigungen wichtig.
Dennis Bruder: Gibt es weitere Alltagssituationen, in denen Leichte Sprache helfen könnte? Frau Hofmann?
Maria Hofmann: Im Moment fällt mir nichts Spezielles ein.
Florian Nüßlein: Maria ist viel mit dem Smartphone und im Internet unterwegs. Viele Homepages haben bereits Bereiche in Leichter Sprache, aber es gibt sicher noch vieles zu tun. Unser Alltag wirft immer wieder die Frage auf, wo Leichte Sprache Menschen mit Beeinträchtigungen zusätzlich unterstützen könnte.
Fabian Schlauch: Uns ist außerdem wichtig, dass Auftraggebende ein Bewusstsein dafür entwickeln, wie sinnvoll eine Prüfung ist. Sie ist keine zusätzliche Maßnahme ohne Zweck, sondern liefert einen klaren Mehrwert.
Florian Nüßlein: Frau Hofmann hatte in der Vorbereitung noch einen guten Hinweis. Möchtest du ihn noch einmal nennen?
Maria Hofmann: Ich frage oft im Internet nach, weil ich selbst über Begriffe stolpere, die für mich zu schwierig sind. Dann frage ich: „Kannst du mir das leichter erklären?“
Florian Nüßlein: Genau. Dieses „leichter erklären“ kam auch bei unseren letzten Treffen immer wieder vor und ist ganz grundlegend hilfreich. Maria hatte außerdem darauf hingewiesen, dass die Nutzung Leichter Sprache kein Grund für Vorurteile sein darf.
Maria Hofmann: Ich kann mir vorstellen, dass viele Menschen denken: „Die Person braucht eine Erklärung in Leichter Sprache, also kann sie weniger.“ Das sollte nicht so sein.
Dennis Bruder: Das ist leider ein Problem, das in der Gesellschaft häufig vorkommt: Menschen mit Behinderungen kämpfen mit Vorurteilen, und ihnen wird zu wenig zugetraut. Deshalb ist es wichtig, dass der Wunsch nach Leichter Sprache direkt aus der Ziel- und Prüfgruppe geäußert wird – und dass deutlich wird, dass Leichte Sprache nichts mit mangelnder Wertschätzung zu tun hat.
Dennis Bruder: Eine letzte Frage zum Einsatz von KI im Alltag: Mit künstlicher Intelligenz lassen sich Begriffe leichter erklären. Kann man KLAO über eine App oder den Browser bereits selbst nutzen?
Fabian Schlauch: Ja. Man kann KLAO aufrufen, sich anmelden, einen alltagssprachlichen Text eingeben und ihn übersetzen lassen. Ehrlicherweise ist das Angebot momentan überwiegend für öffentliche Einrichtungen ausgerichtet. Es gibt noch nicht für alle Beeinträchtigungen eigene barrierefreie Anpassungsmöglichkeiten. Grundsätzlich kann aber jede Person das Angebot kostenlos ausprobieren.
Dennis Bruder: Muss man sich dafür anmelden? Gibt es eine App oder läuft alles über die Website?
Fabian Schlauch: KLAO ist eine Web-App. Man kann sich am Computer anmelden und direkt loslegen. Eine eigene Smartphone-App gibt es nicht. Wir wollten den Zugang möglichst einfach halten, deshalb funktioniert die Anwendung auch über den Browser auf dem Handy. Die Anwendung ist in Frankfurt gehostet. Man braucht weder einen besonders leistungsstarken Computer noch ein besonders leistungsstarkes Smartphone, sondern kann sich einfach anmelden.
Dennis Bruder: Für ein junges Unternehmen ist es sicher auch eine Ressourcenfrage, worauf man sich zuerst konzentriert. Eine zusätzliche App wäre ein großes eigenes Projekt. Dann bedanke ich mich bei allen. Das war eine sehr schöne Folge. Ich wünsche Ihnen alles Gute für die weitere Kooperation und natürlich auch für die Software KLAO.
Fabian Schlauch: Vielen, vielen Dank.
Florian Nüßlein: Auch von unserer Seite und vom Prüfteam: vielen Dank.
Maria Hofmann: Auch von mir.
Franz-Josef Pfister: Auch von mir danke.
Johanna Demmer: Danke schön.
Dennis Bruder: Vielen Dank fürs Anhören. Das war es mit dieser Folge von „Barriere? Los!“, dem Podcast zur digitalen Barrierefreiheit. Wenn Ihnen die Folge gefallen hat, würden wir uns sehr freuen, wenn Sie unseren Kanal abonnieren oder ein Like dalassen. Wenn Sie sich zur digitalen Barrierefreiheit informieren wollen, besuchen Sie unsere Website: www.landesfachstelle-barrierefreiheit.de. Dort finden Sie auch Informationen zu Leichter Sprache und Unterstützter Kommunikation sowie zur baulichen Barrierefreiheit. Alle Links zur heutigen Folge finden Sie wie immer in den Shownotes. Bis zur nächsten Folge von „Barriere? Los!“
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